Es sind die Tage des Zorns in vielen deutschen Tageszeitungsredaktionen. Nach dem Abschluss der Tarifverhandlungen bewegt sich die Gemütslage der Kolleginnen und Kollegen irgendwo zwischen Ernüchterung, Resignation und blanker Wut. Wut auf die Kaltblütigkeit, mit der die Verleger ihren Mitarbeitern verdeutlicht haben: Eure Arbeit ist uns nicht mehr wert, sondern weniger. Wut aber auch auf diejenigen an der anderen Seite des Verhandlungstisches: Auf die Gewerkschafter, die es mit einem Gegner – von einem Tarifpartner kann man nach diesen Verhandlungen wohl kaum noch sprechen – zu tun hatten, der über weite Strecken mehr mit sich selbst und den eigenen Auflösungserscheinungen beschäftigt schien als mit ernsthaften Bemühungen um die Fortentwicklung des Flächentarifs.
Den – beziehungsweise das, was die unseligen OT-Mitgliedschaften von ihm übrig gelassen haben – zu retten war das oberste Ziel von DJV und dju in dieser Tarifrunde. Und zumindest dieses Ziel ist erreicht worden – wenngleich mit erheblichen Opfern. Doch an diesen Opfern, an den Kürzungen bei den Jahresleistungen, an dem marginalen Gehalts-Plus, an den Einschnitten für "Neueinsteiger", sind in den Augen mancher Kollegen nicht etwa die Verleger schuld – sondern die Verhandler auf Gewerkschaftsseite. "Verraten und verkauft" hätten die ihre Mitglieder, wettern enttäuschte Redakteure. Wer so tönt, weiß nicht um den Wert des Flächentarifs. Und verrät das Grundprinzip gewerkschaftlicher Arbeit: Solidarität.
Ich bin 46 Jahre alt und seit fast 25 Jahren Redakteur bei einer kleinen Lokalzeitung. Ich bin privilegiert. Denn ich habe eine Festanstellung zu tariflichen Konditionen. Ich profitiere von dem, was meine Altvorderen einst für mich erkämpft haben. Und deshalb sehe ich mich in der Pflicht, das, was so mühsam aufgebaut wurde, so gut es geht für die nächste Generation zu bewahren. Natürlich könnte ich sagen: "Wozu brauche ich noch einen Flächentarif? Für mich gilt die Nachwirkung, damit rette ich mich über die Runden." Aber wenn alle so denken würden, könnten wir den Laden "Gewerkschaft" bald zusperren.
Unter Kollegen lässt man den anderen nicht im Regen stehen. Wäre der Flächentarif geplatzt, wären künftige Berufsanfänger schutzlos den Naturgewalten in Form von Arbeitgeber-Willkür ausgeliefert. Wir, DJV und dju, haben es unter denkbar schwierigen Umständen geschafft, dass auch die junge Generation noch einen Schirm über sich hat. Ja, der ist etwas kleiner als der, von dem die älteren Kollegen profitieren. Aber immerhin, es gibt ihn, und er schützt davor, als Einzelkämpfer sich und seine Schäfchen selbst ins Trockene bringen zu müssen. Wer den Arbeitsmarkt für Journalisten kennt, kann sich ausmalen, wie groß die Chancen im individuellen Gehaltspoker sind…
An dieser Stelle pflegen Kritiker der Tarifeinigung dann meistens die Schallplatte vom Haustarif aufzulegen. Doch die vermeintliche Wunderwaffe hat sich bislang meist als nicht sonderlich scharfes Schwert erwiesen. In wie vielen OT-Betrieben hat es denn die Belegschaft geschafft, sich einen Haustarif zu ertrotzen – und gibt es auch nur einen, der die Kollegen besser stellt als der Flächentarif?
Man denke an den Schwarzwälder Boten, wo fast 100 Tage Streik (!) nur einen recht kurzfristigen Erfolg einbrachten. Man denke an die Mittelbayerische Zeitung, wo das Projekt Haustarif seit Monaten nicht zuletzt daran scheitert, dass der Verleger nicht von der absurden Idee einer leistungsabhängigen Bezahlung abrücken will. Und man denke an die Würzburger Mainpost, wo die Redaktion sich jäh als Spielball unternehmerischer Willkür fühlte: Die Verlängerung befristeter Verträge wurde plötzlich abhängig gemacht von Zugeständnissen der Belegschaft bei den Haustarif-Konditionen.
Ich wage die Prognose: Die Kollegen in diesen drei Verlagen und die in allen anderen OT-Häusern würden die Kröten, die mit dem Erhalt des Flächentarifs geliefert wurden, gerne schlucken, wenn ihnen das die Rückkehr unter das Dach der Solidargemeinschaft sichern könnte.
Wolfgang Grebenhof
Mitglied im Bundesvorstand des DJV

