Frankfurt, 3. April 2014 – Mit großem Interesse an dem fernen und gleichzeitig auch sehr fremden Land Afghanistan verfolgten gut 30 Zuhörerinnen und Zuhörer den Vortrag des Freien Bildjournalisten Wolfgang Minich. Nachdem der stellvertretende Vorsitzende des Frankfurter Ortsverbandes, Norbert Dörholt, die Gäste im Frankfurter Presseclub in der Ulmenstzraße begrüßt hatte, begann ein – im wahrsten Sinne des Wortes – unglaublicher Abend.
Wolfgang Minich war im Auftrag der Bundeswehr mehrere Male in Afghanistan, wo er oft die Gelegenheit hatte, durch das Land zu reisen und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Einen kleinen Teil des dort Erlebten teilte er bei seinem Vortrag mithilfe vieler beeindruckender Fotografien von Menschen und Landstrichen mit den Anwesenden. Gleichzeitig informierte er über die Geschichte des Landes, politische Hintergründe, Gesundheitswesen, Schulbildung, Medienlandschaft und vieles mehr.
Rechne man die Zeit zusammen, die er in Afghanistan verbracht habe, seien während der sechs Aufenthalte mittlerweile insgesamt zwei Jahre zusammengekommen, beschrieb Minich den zeitlichen Umfang seiner Reisen. Zeit genug, mit vielfältigen Informationen zurückzukehren.
3000 Jahre Geschichte
Indo-Europäische Stämme wanderten vor etwa 3000 Jahren in das Gebiet am
Hindukusch ein. Es folgten die Araber auf Alexander den Großen, die den Islam einführten, Dschingis Khan (1222 bis 1227) folgten die türkischen Besetzer, 1747 wurde bereits das erste afghanische Reich durch Ahmad Han gegründet. 1826-1863 stritten Russland und England um den Einfluss im Land. Bis 1919 fanden drei anglo-afghanische Kriege statt, die mit dem Vertrag von Rawalpindi am 19. August 1919 zur Unabhängigkeit führten.
1929 wurde Nadir Shah zum König gewählt und stand mit seinem Sohn, Sahir Shah, bis 1970, bis die Kommunisten die Macht übernahmen, für die „Goldenen Jahre“ Afghanistans. Von 1979 war das Land bis 1988 russisch besetzt, danach wurde bis 1996 um die Macht gekämpft, die schließlich die Taliban errangen.
2001 griffen die USA ein und beendeten deren offizielle Herrschaft. 2002 begann der ISAF-Einsatz (International Security Assistance Force) mit einer Übergangsregierung in Kabul, die im Herbst 2004 zu Parlamentswahlen führte. Der ISAF-Einsatz wurde daraufhin auf ganz Afghanistan ausgeweitet. Seit dem Frühjahr 2005 ist Hamid Karzei gewählter Präsident Afghanistans, 2009 wurde er wiedergewählt. Am 5. April fanden Neuwahlen statt, bei denen Karzei nach zweimaliger Amtszeit nicht mehr antreten durfte.
Das Regierungssystem heißt präsidial
Die Islamische Republik Afghanistan wird vom Wolesi Dschirga, Haus des Volkes, und vom Meshrano Dschirga, Haus der Ältesten, regiert. Es sind 249 Sitze zu besetzen, davon 68 von Frauen, 10 Sitze sind für die Kuchi Minderheit bestimmt. Es sind 34
Provinzen an der Wahl beteiligt, aus denen die Wahlurnen auf dem Luftweg zur Auszählung in größere Städte und dann weiter nach Kabul geschickt werden.
Am Flughafen werden Sprengstoffhunde eingesetzt, um die Urnen vor dem Weitertransport zu untersuchen. Wegen der angespannten Sicherheitslage bei dieser Wahl am 5. April konnten 959 Wahllokale wegen Bedrohungen nicht geöffnet werden, rund 6.200 waren geöffnet. Gerade erst hatten die Taliban das Hauptquartier der unabhängigen Wahlkommission in Kabul attackiert – binnen weniger Tage bereits der vierte Übergriff nach denen auf ein Provinzbüro der unabhängigen Wahlkommission, auf ein Luxushotel und auf das Gästehaus einer amerikanischen Hilfsorganisation. Damit und mit dem Beschuss einzelner Wahllokale, wobei es auch zu einer Reihe Toter und Verletzter kam, versuchten die Taliban und andere Extremisten, die Wähler vom Urnengang abzuhalten. Doch trotz all der Einschüchterungsversuche war die Wahlbeteiligung hoch. Nach Schätzungen gingen sieben Millionen Wählerinnen und Wähler, etwa 60 Prozent der Bevölkerung, zu den Wahllokalen, um ihre Stimmen abzugeben. Mit den Ergebnissen wird jedoch erst Mitte Mai zu rechen sein.
Gegensätze können größer nicht sein


Kein Land der Welt bietet solche Gegensätze in seinen Landschaften und im Klima wie Afghanistan. In den Wüsten kann es bis zu 53 Grad heiß werden, dazu erschweren Sandstürme feinsten Staubs das Atmen und das Arbeiten als Fotograf, wie Minich berichtete. Die feinen Staubkörner seien für Kameras tödlich, für die Bodenfruchtbarkeit allerdings immens wichtig. Sie sorgten dafür, dass aufgrund der fruchtbaren Lössböden 80 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben könnten. Im Winter rutscht das Thermometer dagegen schnell auf minus 50 Grad hinunter.
Die Natur bietet nahezu jede Art von Landschaft, angefangen bei Wüsten über schroffe Felsen und Flusstäler bis zu Reisfeldern, Schwarzwald ähnlichen Wäldern und Bergen von 7.200 Metern Höhe. Wäre die politische Lage stabil und könne in die Infrastruktur investiert werden, wäre Afghanistan ein ideales Ziel für Touristen, meinte Minich. Ebenfalls seien Bodenschätze wie Kohle, Eisenerz, Erdöl, Erdgas, Silizium und seltene Erden im Wert von mehreren Hundert-Milliarden Dollar vorhanden, doch wage niemand, in Unternehmen in dem unsicheren Land zu investieren.
Frauen, Kinder und Männer – Gesellschaft fernab vom westlichen Muster
Afghanistan besitzt etwa 30 Millionen Einwohner. Die Bevölkerung setzt sich jedoch wie ein bunter Flickenteppich aus zahlreichen ethnischen Gruppen zusammen (ca. 42% Paschtunen, ca. 27% Tadjiken, ca. 9% Hazara, ca. 9% Uzbeken und kleinere ethnische Gruppen wie Turkmenen, Baluchi, Aimak, Nuristani usw.). Die Mehrzahl sind Muslime, etwa 80 Prozent Sunniten, 19 Prozent Schiiten und 1 Prozent Hindus, Parsen, Juden und Christen. Ähnlich sieht es auch bei den Sprachen aus. Etwa 50 Prozent sprechen Dari, 35 Prozent Paschtu und weitere viele unterschiedliche Dialekte.
Analphabetismus ist nach wie vor ein Problem Afghanistans, gerade im ländlichen Raum. Es gibt etwa 70 Prozent Analphabeten, die zu 90 Prozent auf dem Land leben. Auch wenn viele Organisationen weltweit in die Schulbildung investierten, sind die Voraussetzungen für einen Schulbesuch ausgesprochen schwierig und die Umsetzung oft primitiv. Hinzu kommen immer wieder Übergriffe und Zerstörungen, gerade an Schulen für Mädchen. Nur 30 Prozent der Schüler sind Mädchen, 50 Prozent werden dagegen schon vor ihrem 16. Lebensjahr verheiratet, viele sogar schon mit acht Jahren.
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In diesem Zusammenhang ist der Bedarf an Unterstützung hoch. In den Großstädten stehen Frauen und ihren Kindern, die vor Gewalt in der Familie und dem Ausgestoßen werden flüchten, 10 bis 15 von NGOs betreute Frauenhäuser zu Verfügung. Doch viele Frauen leben nach der Flucht auf der Straße und versuchen durch Betteln für sich und ihre Kinder zu sorgen.

Oft werden sie aufgegriffen und ins Gefängnis gebracht. Das ist für die meisten ein Segen, denn dort leben sie geschützt und werden versorgt. Auf den Straßen leben auch Kriegsversehrte, Flüchtlinge und Nomaden. Es kamen bereits etwa vier Millionen Flüchtlinge aus den Lagern in Pakistan oder Iran mit Hilfe der UN und der afghanischen Regierung zurück.
Afghanische Familien haben im Durchschnitt 5,4 Kinder. Aufgrund der lückenhaften medizinischen Versorgung besteht mit 1.400 Totgeburten bei 100.000 Geburten jährlich die höchste Mutter-Kind-Sterblichkeit der Welt.
66 Prozent der Be
völkerung haben keinen Zugang zu Ärzten, Krankenhäusern oder Apotheken (80% der Ärzte arbeiten in Kabul, 60% der Krankenhausbetten befinden sich in Kabul, ebenso 40% der Apotheken). Eine Folge davon ist, dass fast ein Viertel der Kinder nicht das fünfte Lebensjahr erreicht und jedes zehnte Kind unterernährt ist. Polio, Malaria, AIDS, Leishmaniose, Typhus, Tuberkulose, Tollwut, Hepatitis A-B-E, Hautkrankheiten, Cholera usw. sind weit verbreitet. In der Talibanzeit war ein flächendeckender Impfschutz verboten.
Drogen – noch immer ein Riesenproblem
Afghanistan ist mit 80 Prozent der größte Drogenproduzent der Welt. Im vergangenen Jahr gab es eine enorme Steigerung beim Anbau von Schlafmohn, doch die Drogenbekämpfung afghanischer und internationaler Kräfte ist wenig erfolgreich. Tausende Bewohner Afghanistans sind inzwischen selbst schwerstabhängige Drogenkonsumenten. Es ist oft ein tragischer Kreislauf, der schon im Kindesalter beginnt, wenn Mütter, die nachts Teppiche knüpfen, um etwas Geld hinzuzuverdienen, ihren kleinen Kindern kleinste Mengen Drogen verabreichen, damit sie durchschlafen.
Afghanische Journalisten trotz Bedrohungen engagiert
Hoffnung verbreiteten zur Zeit viele junge Journalistinnen und Journalisten, die mit Engagement die Entwicklung ihres Landes beobachteten, stellte Minich fest.

Artikel 34 der Afghanischen Verfassung schreibt die Meinungs- und Pressefreiheit vor und es gibt verschiedene Medien wie RTA, den staatlichen Rundfunk, 150 weitere Radiosender, darunter Radio Sahar (Morgendämmerung), ein nur von Frauen geführter Sender, 30 Fernsehkanäle, von denen etwa die Hälfte durch Taliban und Warlords finanziert werden und rund 20 Zeitungen, darunter Hasht-e Sobh (Acht Uhr morgens) mit einer Auflage von 20 bis 30 Tausend, die mit dem Freiheitspreis von Reporter ohne Grenzen ausgezeichnet wurde. Außerdem gibt es die AIJA - Afghan Independent Journalist Association und Pajhwok, eine private und verlässliche Nachrichtenagentur.
Die Gefahr für ausländische Journalistinnen und Journalisten ist unvermindert hoch. Bei dem Überfall auf das Serena-Hotel in Kabul wurde ein französischer Kollege erschossen, im letzten Monat ein schwedischer Fotograf in Kabul auf offener Straße und am Tag vor der Wahl die deutsche Kollegin Anja Niedringhaus in Bandakhil in der Provinz Chost.
Die Stimmung im Land, sich nicht von den Taliban und anderen Extremisten einschüchtern zu lassen, macht jedoch Hoffnung. Es ist Afghanistan zu wünschen, dass das Ergebnis der Wahl zu weiteren Fortschritten führt. Damit Afghanistan selbst für seine Sicherheit sorgen kann, muss die Ausbildung der Armee und der Polizeikräfte, trotz aller Schwierigkeiten bei ethnischen Problemen und Analphabetismus, intensiviert werden. sl
(Keine Gewähr für Zahlen und Statistiken, sie sind in Afghanistan oft lückenhaft. Regierungsstellen, NGOs, UN - alle liefern ähnliche oder oft auch ganz unterschiedliche Zahlen.)



