Vor etwa 240 Gästen legten die Experten auf dem Podium ihre Wahrnehmung und ihre ganz individuellen Lösungsvorschläge im derzeitigen Medienwandel dar.
Joachim Becker eröffnete das Forum mit Blick auf ein erstes optimistisches Zeichen zum Gestaltungswillen des BDZV, der auf Innovationskurs sei. Da die Wertschöpfungskette Risse zeige, bestehe bei den Verlagen Handlungsbedarf. Leif Kramp, Forschungskoordinator des Zentrums für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI) der Universität Bremen, sah dagegen eher wenig Bereitschaft, vom Elfenbeinturm herabzusteigen: „Es sind bei den meisten Unternehmen noch zu viele Beharrungskräfte aktiv, die den Strukturwandel behindern,“ fügte er an.
Becker sprach die drastische Transformation an, die das Internet für den Journalismus bedeute. Dazu zählten nicht nur die digitalen Kanäle, die Nachrichten und Informationen auf ganz neuen Wegen verbreiteten, sondern auch die Anforderungen an Journalistinnen und Journalisten, von denen eine hohe Affinität zur Technik, Kenntnis in der Beschaffung und Auswertung von Daten und Sxhnelligkeit erwartet werde. Hinzu komme die Notwendigkeit, den Nutzer in den journalistischen Ablauf zu integrieren und die publizistische Mitbestimmung des Publikums zuzulassen.
Auch Schirmherr Axel Wintermeyer, Staatsminister und Chef der Hessischen Staatskanzlei, verwies auf die Besitzstandswahrer, die nur noch eine Art „Totholzindustrie“ in ihren Unternehmen verwalteten. „Wenn Schnelligkeit vor Qualität geht, führt das zu Vertrauensverlust bei der Leserschaft. Gerade heute brauchen wir Qualitätsjournalismus, in dem gute Journalistinnen und Journalisten die Flut der Informationen bändigen und Hintergründe klären können,“ sagte Wintermeyer.
Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, nannte in seinem Impulsreferat das Publikum die „fünfte Gewalt“, die zu einem einflussreichen Mitspieler im Mediengeschehen geworden sei. In Zeiten, in denen jeder mit Hilfe der neuen Technik via Smartphone senden könne, müsse ein ganz neuer Schwerpunkt auf Medienkompetenz gelegt werden.
Chefredakteur Alexander von Streit stellte als Beispiel die Strategie der innovativen, mit Crowdfunding finanzierten Plattform Krautreporter.de vor, die versucht, die Kluft in der geteilten Medienöffentlichkeit zu schließen. „Wir wollen einen ‚ausgeruhten‘ Journalismus machen, der das Publikum einbezieht und der an anderen Orten so nicht mehr stattfinden kann,“ erläuterte von Streit die Arbeit der Krautreporter. Klassischer Journalismus sei dagegen ein geschlossener Club ohne Mitwirkung des Publikums und mittlerweile ohne die Möglichkeit, lange hinter die Fassaden von Nachrichten zu schauen.
Ähnlich sieht CORRECT!V die Kommunikation mit dem Publikum. Es ist das erste gemeinnützige Recherchebüro im deutschsprachigen Raum, das Bürger in den Rechercheprozess einbinden und zugleich alternative Finanzierungsformen für Journalismus erschließen will. Das Projekt wird von der Brost-Stiftung unterstützt, die für drei Jahre jeweils eine Million Euro zur Verfügung gestellt hat. Jonathan Sachse, einer von 15 festen Mitarbeitern, beschreibt die Arbeit von CORRECT!V als unabhängig und ohne den ständigen Zeitdruck, fertig werden zu müssen. Das schaffe Voraussetzungen, auch langfristig an einem Thema arbeiten zu können.
Verblüffend und gleichzeitig erschreckend demonstrierte Marco Maas, geschäftsführender Gesellschafter von OpenDataCity, einer Agentur, die sich auf Datenjournalismus und Datenvisualisierung spezialisiert hat, wie schon heute „das Internet der Dinge“ in den Alltag eingreifen kann. In Zeiten, in denen Daten und Algorithmen zunehmend unseren Alltag abbilden und die Welt steuern, sei es wichtig, dass Journalisten die Zahlenwerte richtig lesen und interpretieren könnten, argumentierte Maas. Sylke Gruhnwald, die für den Bereich Data beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) zuständige Leiterin, unterstützte die Argumentation. Im immer bedeutender werdenden Datenjournalismus sei die Königsdisziplin, selber Daten zu erheben und diese auswerten zu können.
In der anschließenden Diskussion, die von Christina Elmer (Spiegel Online) moderiert wurde, waren sich Medien-Trainer Volker Matthies, RTL-2-Nachrichtenchef Matthias Walter, Leif Kramp, Sylke Gruhnwald und Marco Maas einig, dass die Beteiligung des Publikums und das Auflösen von Beharrungskräften ebenso die Zukunft des Journalismus ausmachten wie flache Hierarchien sowie Freiräume für Kreativität und Arbeitszeit. Bei strukturellen Veränderungen sollten die Unternehmen „vom Netz aus denken“, das heißt, das Internet nicht nur als Ergänzung sondern als Ausgangspunkt zu betrachten und mobile Endgeräte in den Mittelpunkt des Sendens und Empfangens zu stellen.
Die Schlussbemerkungen des Eichstätter Journalistik-Professors Klaus-Dieter Altmeppen zum lpr-forum-medienzukunft knüpften am Ende wieder am Qualitäts- und Ethikanspruch des „klassischen“ Journalismus an. Trotz Publikumsbeteiligung, schreibenden Robotern und Dateneinbindung, Crowdfunding und anderen alternativen Finanzierungsmodellen sei Journalismus nicht kopierbar. Der Weg der Zukunft könnte lauten: alter Journalismus, neue Techniken und ein Publikum, dem das etwas wert ist. sl








