Medienwandel öffentlich in Darmstadts Kunsthalle diskutiert

Darmstadt, 29.4.2015 - Der DJV-Ortsverband Darmstadt ist mit der Gemeinschaftsveranstaltung „Die Zeitung in der Krise" erstmals an eine breite Öffentlichkeit getreten, um über die Veränderungen bei „Echo Medien" zu informieren. Mitveranstalter waren die dju in Verdi, Ortsverband Südhessen, und der Presseclub Darmstadt.

León Krempel (stehend), Hausherr des Veranstaltungsortes Kunsthalle, „lief es heiß und kalt den Rücken hinunter“, als er von den rigorosen Einschnitten beim Darmstädter Echo erfuhr. Die Podiumsteilnehmer waren Jonas Zipf, Kerstin Schultz, Rüdiger Fritsch, Matthias Wilkes und Jochen Partsch. (v.l.n.r.).

Unter den 150 Zuhörern waren auch „Echo"-Verleger Hans-Peter Bach (Mitte links) und der Sprecher der VRM-Geschäftsführung, Hans Georg Schnücker (Mitte rechts).

Großes Interesse seitens der Öffentlichkeit: Schnell wurden Bänken für weitere Sitzplätze organisiert.

Die Kunsthalle in Darmstadt war Veranstaltungsort für die Diskussion, die vom DJV, dju und dem Presseclub Darmstadt organisiert worden war. Fotos: Sonja Lehnert

Die Geschäftsleitung der Echo Medien hat im Juni des vergangenen Jahres eine „tiefgreifende Sanierung" des Verlagshauses angekündigt hatte. Diese Sanierung beinhaltete bisher, dass mehr als die Hälfte aller Mitarbeiter von Kündigungen betroffen sind. Nun kommt hinzu, dass die Verlagsgruppe Rhein Main (VRM) das Darmstädter Medienhaus übernehmen will. Stimmt das Bundeskartellamt zu, werden auch Mantelredaktionen wie Wirtschaft und Politik im Spätsommer aufgelöst. Das „Darmstädter Echo" und seine Lokalausgaben verlieren einen bedeutenden Teil ihrer bisherigen Identität. Unter der VRM erscheinen 18 Tageszeitungen. Dabei stellt sich die Frage nach Meinungsvielfalt in der regionalen Medienlandschaft. Kerstin Schumacher, Vorstandsmitglied des Ortsverbands Darmstadt, fragte, ob es Chancen gebe, das Echo mit seinem Qualitätsjournalismus zu erhalten.

Paul-Hermann Gruner, Autor und Echo-Redakteur, moderierte die Diskussion, an der Jochen Partsch, Oberbürgermeister der Stadt Darmstadt, Matthias Wilkes, Landrat des Kreises Bergstraße, Rüdiger Fritsch, Präsident des SV Darmstadt 98, Kerstin Schultz, Vorsitzende des Architektursommers Rhein-Main und Jonas Zipf, Schauspieldirektor des Staatstheaters Darmstadt, teilnahmen.
León Krempel, Hausherr des Veranstaltungsortes Kunsthalle, „lief es heiß und kalt den Rücken hinunter“, als er von den rigorosen Einschnitten beim Darmstädter Echo erfuhr. „Das Feuilleton ist lebenswichtig für uns", sagte er. Schock und Bestürzung empfanden auch die Diskussionsteilnehmer aus Politik, Kultur und Sport und stimmten darin überein, dass für eine fundierte Berichterstattung das Gegenüber von Journalisten grundlegend ist – und zwar von solchen, die sich in ihrem Fachgebiet und den örtlichen Gegebenheiten auskennen. Das mache unter anderem auch (das Wort würde ich streichen) die Qualität einer regionalen Tageszeitung wie des „Darmstädter Echos" aus.



Alle bedauerten, dass das  „Echo" bislang kaum in eigener Sache über die anstehenden Veränderungen informiert hatte. So war es an den Gewerkschaften und dem Presseclub, die Krise nun erstmals öffentlich zu diskutieren. Immerhin: Unter den 150 Zuhörern waren auch  „Echo"-Verleger Hans-Peter Bach und der Sprecher der VRM-Geschäftsführung, Hans Georg Schnücker. Die „Echo“-Chefredaktion suchte man dagegen vergebens. Sie blieb der Veranstaltung fern.

Kulturgut, Grundnahrungsmittel oder stiftungsfinanziertes Format – wie wird die Tageszeitung der Zukunft gesehen? „Was halten Sie von einer Drei-Tage-in-der-Woche-Zeitung?“, fragte Moderator Gruner. Immerhin hätten Wochen- und Sonntagszeitungen wie die „Welt am Sonntag" oder die „Zeit" nicht mit Auflagen-Einbußen in der Höhe der Tageszeitungen zu kämpfen, bestätigte Landrat Wilkes. Das Leseverhalten habe sich geändert, weniger Leser hätten Zeit, täglich Formate in der Größenordnung kleiner Taschenbücher zu lesen. Und wie Rüdiger Fritsch bei seinen  Kindern beobachten konnte, lese die nächste Generation kaum noch Zeitung – hier seien die mobilen Geräte das Medium per se.

„Gibt es dann überhaupt einen Weg, die iPhone- und Print-Generation unter einen Hut zu bringen?“, wollte Gruner von den Teilnehmenden wissen. Die Möglichkeit, verschiedene Modelle einer zukünftigen Tageszeitung zu diskutieren, fand  Jonas Zipf spannend, man müsse die Mobilnutzer doch gar nicht zum Print zurückführen, sondern zusätzlich neue Formate für alternative Möglichkeiten schaffen. Dabei aber, wie Oberbürgermeister Partsch hinzufügte, die Zeitung als Kulturgut erhalten und sowohl im Print- als auch online-Qualitätsjournalismus fördern, bereitstellen und bezahlen.

Das öffentliche  Interesse am Thema war groß. Für viele bedeute die Traditionszeitung „Darmstädter Echo", 1945 wurde am 21. November die erste Ausgabe gedruckt,  ein Stück Heimat, sagte Landrat Wilkes und bedauerte mit einem kurzen Blick zurück, dass die gegenwärtige Entwicklung mit Horst Bach, dem verstorbenen Bruder des Verlegers, so nicht passiert wäre.

 sl

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