Recherche – Pflicht oder Kür? - Journalisten diskutieren im hr über neue Wege in der Recherche

Frankfurt, 8.6.15 - Zu einer Diskussion über das für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zentrale Thema Recherche-Journalismus hat der hr-Redakteursausschuss (RA) eingeladen. Unterstützt wurde die Diskussion im Café des hr-Casinos vom DJV-Hessen.
Moderatorin Sylvia Kuck (2.v.r.) und Volker Siefert (r,), Geschäftsführung hr-Redakteursausschuss, während der spannenden Diskussion im Café des hr-Casinos.

Moderatorin Sylvia Kuck (2.v.r.) und Volker Siefert (r,), Geschäftsführung hr-Redakteursausschuss, während der spannenden Diskussion im Café des hr-Casinos.

Auf dem Podium stellten sich Harald Schumann (Tagesspiegel), Frederik Obermaier (SZ) und Thomas Schuler (Trainer) den Fragen von Moderatorin Sylvia Kuck.

Motivation des RA für die Veranstaltung ist das Bedürfnis vieler KollegInnen, Recherche im hr zu stärken. In den vergangenen Jahren hat der rechercheorientierte Journalismus eine weltweite Renaissance erlebt. Veröffentlichungen rund um die US-Geheimdienste oder Daten von Briefkastenfirmen aus Steuer-Oasen haben für politischen Zündstoff in den USA und Europa gesorgt. Aber auch auf regionaler Ebene wird den Verantwortlichen in Medienhäusern klar: Wer im Mainstream erkennbar bleiben will, muss die Leser, Nutzer und Zuschauer mit eigenen Geschichten überzeugen.


Stories fallen nicht vom Himmel

Einig waren sich die geladenen Referenten, dass für gute Recherche-Stories die Rahmenbedingungen stimmen müssen – vor allem beim Faktor Zeit. „Um ein großes Knäuel zu entwirren, braucht es Wochen oder Monate", betonte SZ-Reporter Obermaier und steuerte einige Eindrücke aus seinem Arbeitsleben bei.
Die Arbeitsweise in dem Verbund mit NDR und WDR sei geprägt von Vertrauen. „Wenn uns nach einer Veröffentlichung der Wind ins Gesicht bläst, muss ich mich drauf verlassen können, dass mein Partner genug im Kreuz hat, um das auszuhalten“, so Obermaier. Einmal die Woche schalten sich die Kollegen aus München, Hamburg und Köln telefonisch zusammen, sprechen über konkrete Recherchevorhaben und koordinieren, wer mit wem an welchem Thema arbeitet. „Ausgang einer solchen Recherche sind konkrete Hinweise aus Recherchegesprächen, geleakte Informationen oder auch ein Gerücht“, so Obermaier. Wenn sich die Teams gebildet haben, geht es in die Umsetzung.

Die Vorgesetzten hätten dafür Verständnis, dass nicht aus jeder Recherche eine Story wird. Obermaier selbst arbeitet gerade an acht Themen gleichzeitig – von denen einige vielleicht erst in einem Dreivierteljahr zu einer Story oder aber auch in Schönheit sterben würden.


Recherche nicht unter Veröffentlichungsdruck

Die Realität sieht in den meisten Redaktionen anders aus. Da wird eine Recherche angefangen und muss zu einem vom Dienstplan oder den finanziellen Rahmenbedingungen vorgegebenen Zeitpunkt abgeschlossen sein. Dann heißt es in der Redaktion, was haben wir, mit welchem Produkt können wir jetzt den Aufwand rechtfertigen? Unter den Bedingungen moderner Newsrooms aber häufig nicht mal die „08/15-Regeln" wie etwa das Zwei-Quellen-Prinzip einhalten, meinte Tagesspiegel-Reporter Schumann. Der ehemalige SPIEGEL-Redakteur weiß um die außergewöhnlichen Bedingungen, die er beim Tagesspiegel hat. Er kann sich die Themen aussuchen, auf die er neugierig ist. Allerdings wachsen auch bei ihm nicht die Bäume in den Himmel. „Wenn meine Redaktion eine Recherche nicht finanzieren kann, suche ich mir andere Kooperationspartner“, so Schumann. Darunter können öffentlich-rechtliche Sender sein oder auch eine NGO wie Foodwatch. „Da lasse ich mir dann vertraglich zusichern, dass ich das letzte Wort bei dem Verfassen des Berichts habe“.


Vertrauen statt totaler Kontrolle

Kooperationen über unterschiedliche Medien und unterschiedliche Finanzierungsformen sind inzwischen weit verbreitet. Beispielsweise arbeitet das gemeinwohlorientierte Recherchebüro Correctiv bei einzelnen Geschichten mit Verlagen zusammen. Das Journalisten-Portal Krautreporter hat für eine erste Runde eine Million Euro bei Usern gesammelt. Auch wenn jetzt nach der ersten Runde das Projekt vor einer ungewissen Zukunft stehe, zeigten die Beispiele doch, „dass es vielfältige neue Ansätze im Journalismus gibt“, erklärte der Dozent und Journalist Schuler.

Vor dem Hintergrund zunehmend komplexer werdender Themen seien Kooperationen immer wichtiger. Einzelkämpfernummern könne man sich nicht mehr leisten, war man sich auf dem Podium einig. Allerdings scheitere dies in der Realität daran, hieß es aus dem Publikum, dass Kooperation auch bedeute, Kontrolle über ein Produkt teilweise abzugeben. Für manche Chefs sei dies ein unüberwindliches Problem.

Trainer Schuler macht bei seinen Workshops in öffentlich-rechtlichen Sendern und anderen Medienhäusern die Erfahrung einer grundsätzlichen Offenheit für neue Wege. Verantwortliche suchten nach Möglichkeiten, Recherche zu fördern. Er hat drei Ratschläge im Gepäck, mit denen sich viel erreichen lässt. Das Know-how dazu solle nicht nur in der Ausbildung, sondern auch in der Fortbildung ernst genommen werden. Auf einem „Tag der Recherche" könnten sich recherchierende Kollegen gegenseitig austauschen und Erfahrungen weitergeben. Außerdem könnte eine kleine Rechercheeinheit den Anfang machen, um mit eigenen Geschichten Wirkung nach Innen und Außen zu erzielen.

Der RA will bei dem nächsten Gespräch mit der hr-Geschäftsleitung über konkrete Vorschläge sprechen, die in der Veranstaltung entstanden sind. Die lebhafte Diskussion der rund 50 Teilnehmer hat aus Sicht des RA gezeigt, dass die Neugierde und der Wunsch, journalistisch wertvolle Produkte in die Welt zu bringen, bei vielen Kollegen vorhanden ist.

Text: Volker Siefert, Geschäftsführung hr-Redakteursausschuss

Fotos: Knud Zilian

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