Die Big-Data-Mechanismen der großen Online-Konzerne aus den USA prägen die Meinungsbildung der Nutzer, denen das so nicht bewusst ist. Das wurde in der vergangenen Woche in Frankfurt beim „7. lpr-forum medienzukunft“ mit dem Thema „Die Macht der Algorithmen“ diskutiert.
Joachim Becker, Direktor LPR Hessen, wies in seiner Eingangsrede auf die Einschnitte hin, die die Medienlandschaft weiterhin rasant veränderten. Die digitalen Plattformen gäben sich nicht mehr nur mit ihren Funktionen als soziales Netzwerk oder Suchmaschine zufrieden – nein, sie würden jetzt selbst zum Publisher, zum Herausgeber. Dem gegenüber stünden die Traditionsmedien, die ihrerseits in die Netzwerke drängten. Und auch die journalistischen Produkte selbst verlören ihre „Heimat“, indem sie auch einzeln vermarktet werden könnten. Der Ansporn, guten Inhalt zu produzieren, könne sicher ein Zeichen für Qualität sein, andererseits aber die Gefahr beinhalten , dass das Gesamtprodukt zerfalle.
Staatssekretär Michael Bußer, Sprecher der Hessischen Landesregierung, befürchtete deshalb auch, dass mit dem Rückgang der klassischen Medien das Portal verschwinde, auf dem Politik überhaupt noch wahrgenommen werde. „Nicht nur aus diesem Grund, muss die Politik dafür sorgen, dass den wirtschaftlich Verantwortlichen die Möglichkeit gegeben wird, Überlebensstrategien zu entwickeln,“ forderte er.
Auch Volker Lilienthal, Professor für Qualitätsjournalismus in Hamburg, bezweifelte, dass die von Internetplattformen wie Facebook und Google kommunizierten Informationen journalistischer Aufklärung gleichkämen. Die Medien sollten an ihrer Multi-Channel-Strategie festhalten, riet er, um nicht völlig abhängig von den Big-Data-Mechanismen der US-amerikanischen Online-Konzerne zu werden.
Die neue Welt des Journalismus
Die neu gelaunchte Publisher-Plattform von Samsung und Springer „upday“, die österreichische Community-Schmiede und das ZDF-Angebot heute+ richten sich vor allem an eine junge Leserschaft – und nutzen zahlreiche Algorithmen, um sich deren Nutzerverhalten anzupassen. „Können Algorithmen wirklich Relevanz messen?“, äußerte Katharina Zweig , Professorin für Informatik, Universität Karlsruhe, massive Zweifel an der beschriebenen Methode. Sie warnte davor, Algorithmen Entscheidungen über die Rangfolge und Relevanz von Nachrichten zu überlassen. Schließlich forderte die Wissenschaftlerin eine Ethik und eine Kontrollinstanz, um Algorithmen auf ihre gesellschaftlichen Wirkungen und Nebenwirkungen zu kontrollieren.
Die abschließende Diskussionsrunde offenbarte ein futuristisches Bild der Medien: Journalistische „Leuchttürme“ würden als Printversionen „Luxusprodukte“. Darüber hinaus verschwinde der Recherche-Journalismus zugunsten von Instant Articles, Native Advertising und Content Marketing.
Fazit der Veranstaltung
Wiebke Loosen, Kommunikationswissenschaftlerin am Hamburger Hans-Bredow-Institut, hob hervor, dass Digitalisierung und Algorithmen zunächst nicht den Journalismus veränderten, sondern die Geschäftsmodelle, Produktion und Distribution. Dadurch sei allerdings auch die Finanzierungsgrundlage der gesamten Branche betroffen. Für die Zukunft des Journalismus würden das Publikum, soziale Online-Netzwerke und „kommunikative Hybride“ ebenso an Bedeutung gewinnen wie die Tatsache, dass andere Akteure zunehmend „funktional äquivalente Leistungen“ erbringen könnten. Die Zeiten des Gatekeeper-Monopols für Journalisten seien vorbei. Nun kämen neue Instanzen hinzu, zu denen eben auch Algorithmen zählten. Daraus resultiere letztlich Frage, für wie berechenbar wir unsere Gesellschaft eigentlich verstanden wissen wollten.

