Der Königsweg ist noch nicht gefunden

Wiesbaden, 9. Januar 2017 - Das im „Journalist 11/2016 erschienene Interview mit dem neuen Chefredakteur der „Frankfurter Neuen Presse“ zur Rettung der Lokalzeitung hat zu einer beachtlichen Zahl von kritisch hinterfragenden Leserzuschriften geführt. Auch der DJV Hessen will sich hierzu äußern, aus naheliegenden Gründen. - Angefügt die Antwort von Joachim Braun, Chefredakteur Frankfurter Neue Presse.

In dem Interview wird der neue Chefredakteur der „Frankfurter Neuen Presse“, Joachim Braun, als „Retter“ der Lokalzeitung und des Lokaljournalismus vorgestellt. Indes bleibt nach der Lektüre nüchtern festzustellen, dass auch er den Königsweg nicht aufzuzeigen vermag, nach dem zahlreiche Journalisten in vergleichbaren Positionen suchen. Zudem darf nicht übersehen werden, dass seine Vorstellungen und Ideen (z.B. „Online to Print“) den Niedergang seiner bisherigen Zeitung, des „Nordbayerischen Kuriers“ in Bayreuth, nicht verhindern konnten. Bekanntlich erwarb der mit der Südwestdeutschen Medienholding verwobene Verlag der Hofer „Frankenpost“ rund zwei Drittel des Bayreuther Verlagshauses. Und jetzt trifft ein, was von der Szene schon lange befürchtet worden war. Es werden mehr als 50 von 220 Arbeitsplätzen abgebaut und die Redaktion, vor kurzem bereits um zehn Stellen verkleinert, soll nochmals verjüngt werden, wie der „Journalist“ in seiner Ausgabe 1/2017 bestätigt.

Vor diesem Hintergrund könnte man meinen, dass Joachim Braun den Absprung zur „Frankfurter Neuen Presse“ gerade noch geschafft hat. Um so mehr erstaunt es, wenn er sich aus eben diesen Gründen im Interview äußert, er sei vom „Nordbayerischen Kurier“ weggegangen, als er dachte, alles erreicht zu haben. Man reibt sich die Augen. Alles erreicht? Haben wir uns die Rettung des Lokaljournalismus so vorzustellen, wenn das im Digitalen verdiente Geld gerade einmal zum „Kaffee mit Streuselkuchen“ für die Redaktion ausreicht? So Braun im Interview. Kann das von ihm nunmehr wohl auch für die „Frankfurter Neue Presse“ propagierte Geschäftsmodell „Online to Print“ funktionieren, die Zeitung nur noch mit den besten der dann ohnehin bereits Online veröffentlichen Geschichten zu bestücken? Und all dies soll obendrein dem Schutz von Print dienen? Leider bleibt im Interview ungeklärt, warum sein Geschäftsmodell in Bayreuth offenbar erfolglos war.

Verfolgt man seine Überlegungen zum Umbau der Redaktion, so verbleibt zum Wohl der Leserschaft der Zeitung, zur Qualität der Berichterstattung und nicht zuletzt zum Erhalt der Arbeitsplätze zu hoffen, dass es ihm gelingt, das Engagement der Redaktion zu wecken und sie mitzunehmen. Viele Kolleginnen und Kollegen werden sich noch an Paul Josef Raue erinnern, offenbar Brauns Mentor, der in weniger als zwei Jahren seiner Zeit als Chefredakteur der Zeitung durch seine „experimentellen Umstrukturierungen“ massive Abonnentenverluste beschert und hierdurch einen enormen wirtschaftlichen Schaden verursacht hatte. Schließlich zog die damalige Geschäftsführung die Notbremse und trennte sich von ihm.

Einiges will dem Beobachter nicht einleuchten, z.B. das laxe und substanzlose Abtun Brauns der kritischen Haltung eines anerkannten Medienwissenschaftlers gegenüber Newsroom & Co. Diese Form der Strukturierung der Redaktionsarbeit mag für die eine oder andere Tageszeitung vorteilhaft sein. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Verantwortlichen der „Frankfurter Neuen Presse“ dieses Projekt nicht zuletzt zum Nutzen der Zeitung sorgfältig durchdacht und geprüft hatten, bevor sie es angingen.

Auch will sich der jüngste Coup der Geschäftsführung mit dem propagierten Qualitätsanspruch des Chefredakteurs an eine (lokale) Berichterstattung nicht in Einklang bringen lassen. Hierbei haben mitgemischt eine branchenbekannte Unternehmensberatung und ein nicht minder einschlägig bekannter Anwalt mit dem Ergebnis: Die Gründung einer tariflosen Billigfirma, mit der das Problem der Scheinselbständigkeit von festen freien Mitarbeitern geregelt werden soll, und in der offenbar künftig alle Neueinstellungen vorgenommen werden sollen, sowie die Auslagerung der Online-Redaktion und der Volontärsausbildung, ebenfalls in eine tariflose und damit billigere Tochterfirma.

Und dies soll allen Ernstes, jedenfalls nach Meinung der Verantwortlichen von Zeitung und Verlag, der Qualität der Berichterstattung förderlich sein! Es ist bedauerlich, dass den sogenannten Fachleuten nicht andere als stets die gleichen Instrumente einfallen.

Achim Wolff, GF

 

Der Kommentar hat den Chefredakteur der Frankfurter Neuen Presse, Joachim Braun, zu folgendem Leserbrief veranlasst, den wir gerne veröffentlichen:

Sehr geehrter Herr Wolff,
 
Gestatten Sie mir bitte eine Antwort auf Ihren Text von heute. Ich bitte darum, dass Sie sie fairerweise ebenfalls auf Ihrer Website veröffentlichen.
 
Niemals habe ich behauptet „Retter des Lokaljournalismus'" zu sein. Diese Überspitzung ist eine Formulierung des Interviewers im „Journalist" und keine Formulierung von mir. Ich behaupte auch nicht zu wissen, wie es mit dem Lokaljournalismus weitergehen muss, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, ich behaupte lediglich, dass es nicht so weitergehen kann, wie in vielen Redaktionen bisher und behaupte, dass die Anforderungen der Digitaluser andere sind als die der traditionellen Print-Leser. Ich kenne darum auch nicht den „Königsweg" und habe dies nie behauptet.
 
Dass mein vorheriger Arbeitgeber, der „Nordbayerische Kurier", von der „Frankenpost", die Teil des Konzerns SWMH ist, gekauft wurde, ist korrekt. Dem Verlust der Selbstständigkeit der Zeitung liegt ein Versagen der örtlichen Verleger zugrunde, die aufgrund von unternehmerischem Unvermögen (als Drucker, außerhalb der Zeitung) und innerfamiliärem Konflikten zum Verkauf gezwungen waren. Daraus ein Scheitern des langfristigen, redaktionellen Konzepts „Online to Print" zu schlussfolgern, wie es der DJV Hessen tut, ist böswillig und widerspricht auch der guten Arbeit der Bayreuther Redaktion. Sie dürfen mir glauben, dass mich der Ausverkauf meiner alten Redaktion und damit das Zunichtemachen des von mir angestoßenen Change-Prozesses persönlich sehr schmerzt.
 
Leider hat der DJV Hessen mich vor Veröffentlichung seiner Suada nicht gefragt (Ist das Journalismus'?), sondern spekuliert frei Schnauze, dass mein redaktionelles Konzept gescheitert ist (stimmt nicht, wie die damalige Auflagenentwicklung zeigt, die ungleich besser ist, als die der FNP). Offenbar versteht auch der DJV Hessen nicht, dass digitale Geschäftsmodelle nicht kurzfristig erfolgreich sein können, sondern nur langfristig, weil es darum geht, neue Leserschichten zu erschließen. Und das dauert eben. Aber wenn Sie die Reichweitenentwicklung in Bayreuth analysiert hätten und den Zuwachs an loyalen und damit bezahlenden Onlinelesern, würden Sie sehen, dass wir ausgehend von einem niedrigen Niveau (wie alle Zeitungsverlage) und mit bescheidenem Mitteleinsatz sehr wohl erfolgreich waren.
 
Dass Paul-Josef Raue „offenbar" mein Mentor ist, ist eine Unterstellung, ein Gerücht, das seit Beginn meiner Amtszeit in Frankfurt vom Betriebsrat durch die Redaktionsflure gejagt wird. Tatsächlich kenne ich Herrn Raue gut (die Branche ist in der Größe überschaubar), schätze seine Verdienste für den Lokaljournalismus, habe aber meine eigenen redaktionellen Konzepte. Seine vor 20 Jahren (!) formulierten Ideen für die FNP waren nicht falsch, aber verfrüht für diese Reaktion und in Teilen ungeschickt umgesetzt - damals! Was hat das, was vor 20 Jahren passierte, also noch vor dem Internet, mit meiner Arbeit zu tun?
 
Die FNP ist die einzige Zeitung in Hessen, die noch tarifgebunden ist. Das ist gut so, das sollten Sie anerkennen. Dass wir ehedem freie Mitarbeiter nun in einer nicht tarifgebundenen Gesellschaft in feste Arbeitsverhältnisse übernehmen, benachteiligt nicht einen einzigen FNP-Kollegen. Im Gegenteil. Für die künftig festangestellten KollegInnen hat dies Vorteile, und für die bisher schon festangestellten KollegInnen hat dies keine Einbußen zur Folge. Natürlich ist es ein Makel, nicht alle Redaktionsmitglieder zum selben Gehalt beschäftigen zu können. Aber das gibt die Erlössituation, das Minus bei den Abonnenten und im Werbeverkauf, leider nicht her. Dieser Realität darf sich auch eine Gewerkschaft nicht verschließen und auch die Mitarbeiter der FNP nicht (und der Betriebsrat), denen die Zahlen von der Geschäftsführung vorgelegt wurden. Vielleicht sollte sich die Gewerkschaft mal Gedanken machen, ob ihr Tarifsystem noch der ökonomischen Realität der Branche entspricht.
 
Ich bin überzeugt, dass lokaler und regionaler Journalismus eine Zukunft hat - aber nicht in den alten (Vor-Internet-)Strukturen. Die Digitalisierung fordert andere journalistische Inhalte und Organisationsformen. Der konvergente Newsroom, den wir jetzt bei der FNP einführen, ist ein Weg, den viele andere Zeitungsverlage längst umgesetzt haben. Dass unser Eigentümer uns dafür die notwendige (siebenstellige) Investition genehmigt hat, beweist, dass er an die FNP glaubt - trotz der zuletzt schlechten Zahlen. Das sollte auch die Gewerkschaft zu schätzen wissen.
 
Ein (!) Medienwissenschaftler, Herr Prof. Moring, behauptete kürzlich, Regionalzeitungen müssten parallel Print- und Onlineredaktion vorhalten. Wie das zu finanzieren sei, sagte er nicht. Ich behaupte, dies funktioniert nur bei überregionalen Medienhäusern wie FAZ und SZ. Das ist nicht „lax" oder „substanzlos", sondern praxisnah. Und natürlich haben wir in Zusammenarbeit mit unseren Beratern unser Konzept sorgfältig überprüft. Und natürlich wollen wir, will ich jeden Arbeitsplatz bei der FNP erhalten. Und ich weiß auch, dass wir nur erfolgreich sein werden, wenn die Redakteure ihren Job mit Freude an der Arbeit erledigen. Störfeuer wie Ihre Spekulationen erhöhen nur die Unsicherheit. Unser Ziel ist, unsere Zeitung so fit zu machen, dass sie für die jetzigen Leser ein „Must have" bleibt und für neue (jüngere) Leser attraktiv wird - ganz gleich auf welchem Kanal.
 
Messen Sie mich an den Taten, aber lassen Sie mich die Taten vollbringen, bevor Sie urteilen. Warum, Herr Wolff, haben Sie nicht mit mir gesprochen, bevor Sie Ihre Spekulationen veröffentlicht haben? Das ist schlechter Stil.
 
Beste Grüße
Joachim Braun

Chefredakteur Frankfurter Neue Presse

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