Yücel ist in Flörsheim am Main geboren. Direkt gegenüber der Stadthalle, hat in der Stadt seine Kindheit und seine Schulzeit verbracht. Bis zu seiner Verhaftung am 14. Februar hatte er in seiner Geburtsstadt kaum Aufmerksamkeit. Das hat sich jetzt geändert. Das Stadtparlament hat einstimmig eine Resolution für die Freilassung des Journalisten beschlossen. Bürgermeister Michael Antenbrink (SPD) organisiert jeden Monat die Mahnwache vor der Stadthalle, hält immer eine kurze Rede, bevor Journalisten der in der Rhein-Main-Region erscheinenden Zeitungen zu Wort kommen oder, wie im September, die Büchnerbühne aus Gernsheim auftritt und Gedichte zur Freiheit rezitiert.
Unter den Demonstranten steht immer Yücels Schwester Ilkay. Oft mit Tränen in den Augen, meist still, es sei denn, sie wird um ein Interview gebeten. Das Medieninteresse an der Mahnwache ist jeden Monat groß. Alle regionalen Zeitungen sind vertreten, oft auch der Hessische Rundfunkt mit einem Fernseh- und einen Radioteam. Solidarität unter Kollegen sozusagen. Die Frankfurter Rundschau und die Welt übersetzen inzwischen Briefe an Yücel, denn er darf nur Post empfangen, die in türkischer Sprache abgefasst ist. Bei den Mahnwachen werden vorformulierte Solidaritätspostkarten an die türkische Regierung verteilt.
Flörsheim hat ein besonderes Verhältnis zur Türkei. Da in der Stadt viele Türken wohnen, hat Flörsheim bereits vor vielen .Jahren eine Partnerschaft mit einer türkischen Stadt geschlossen. Güzelbahce, nahe Izmir. Es gibt in der Stadt am Main einen deutsch-türkischen Freundeskreis. Die Bürger beider Städte haben sich viele Jahre gegenseitig besucht, Freundschaften sind entstanden. Doch seit einigen Monaten herrscht Funkstille. Aus dem Rathaus in Güzelbahce kam die Ankündigung, man wolle die Verschwisterungsaktivitäten vorerst ruhen lassen. Das sorgt in Flörsheim für Enttäuschung. Der Bürgermeister ist Mitglied der kemaölistisch-sozialdemokratischen Republikanischen Volkspartei (CHP).
Viele Mitglieder des Freundeskreises nehmen an den monatlichen Mahnwachen teil. „Wir stehen hier, bis Deniz Yücel freigelassen wird“, sagt der Bürgermeister. Manchmal kommen nur 30, manchmal sind es mehr als 100 Personen. Auch die Landtagsfraktionen waren bereits mit führenden Vertretern da.
Ilkay Yücel freut sich über die Solidarität. So oft sie kann, fliegt sie in die Türkei, um ihren Bruder im Gefängnis zu besuchen. Sie ist oft in Berlin, besucht möglichst alle Solidaritätskundgebungen bundesweit, die es für ihren Bruder gibt. Sie weiß, dass ihm diese Solidarität hilft, die Einzelhaft zu überstehen. Der Kampf um die Freilassung von Deniz Yücel hat seine Schwester sichtlich zermürbt. Aber auch sie will nicht aufgeben und hofft auf einen fairen Prozess gegen ihren Bruder in der Türkei. Doch bislang gibt es nicht mal eine Anklageschrift. (Hans Dieter Erlenbach)



