


„Wir befinden uns in einer Aufbruchsphase“
Verbandstag in Wiesbaden wählt neuen Vorstand – Zahlreiche Anträge beraten – Lebhafte Debatte um Zusammenlegung der Bundesgeschäftsstellen
Wiesbaden, 23. Juni 2017 - Ein halbes Jahr hat er gewissermaßen zum Üben gehabt, jetzt ist Knud Zilian offiziell Vorsitzender des DJV Hessen. Einmütig wurde er auf dem Verbandstag Ende Juni in Wiesbaden zum Nachfolger von Hans Ulrich Heuser gewählt, der sich nach 26 Jahren an der Verbandsspitze zu Jahresbeginn nach Österreich zurückgezogen hat. Auf der Delegiertenversammlung – und tags zuvor bei der Jubiläumsfeier – ließ er sich noch mal kurz blicken. Aber das war’s nun definitiv mit insgesamt drei Jahrzehnten Verbandsarbeit. Die Delegierten dankten es Heuser mit stehendem Applaus und einstimmiger Wahl zum Ehrenmitglied. Da war er zwar nicht mehr im Saal. Sehr wohl musste er aber noch die Laudatio von Tagungspräsident Norbert Dörholt über sich ergehen lassen. „Es braust ein Ruf wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und Wogenprall: Der Uli Heuser mag nicht mehr. Wie wird uns doch das Herz so schwer!“, reimte er unter dem Titel „Wacht-Ablösung am Rhein“ frei nach der berühmteren „Wacht am Rhein“-Vorlage von Max Schneckenburger. „Es gibt Zeitgenossen, die hinterlassen Spuren in ihrem Leben und im Leben der Anderen“, bedankte sich Dörholt stellvertretend. „Sie beschränken sich nicht auf das Üben von Kritik und Tadel, sondern ergreifen selbst die Initiative, bauen auf und gestalten. Zu dieser Sorte Mensch gehörst du.“ Diese Worte ließ Heuser noch in stoischer Gelassenheit über sich ergehen. Als er schließlich selbst das Wort ergriff, zitterte die Stimme doch ein bisschen. „Den Dachstein habe ich zwar noch nicht erklommen“, meinte er in Anspielung auf seine neue Heimat. „Wohl aber so manche Höhe in diesem Verband – ohne die Tiefen ausgelassen zu haben.“ Mit einem leisen Servus verschwand Uli Heuser genauso leise aus dem Tagungshotel.
Mobilisieren für den Flächentarifvertrag
Zurück blieben die knapp 50 Delegierten, die sich einem intensiven Arbeitsprogramm widmeten. Eingestimmt wurden sie von Knud Zilian, der in seinem Bericht einen Überblick gab über die medienpolitischen Entwicklungen in den vergangenen zwölf Monaten. Er bedauerte, dass der Flächentarifvertrag für hessische Tageszeitungen im Prinzip Makulatur ist.
„Wir können lamentieren, agieren, auf der politischen Bühne tanzen. Ohne den Aufstand der Basis können wir aber nichts durchsetzen. Da wird es noch Einiges zu tun geben“, so Zilian, der gerade seinen 60. Geburtstag gefeiert hat. Anstelle der sich immer weiter ausbreitenden Praxis, Gehälter individuell oder allenfalls noch per Betriebsvereinbarung auszuhandeln, forderte er wieder klare tarifliche Regelungen. „Aber das bekommen wir nur mit Beharrlichkeit und mit den Kollegen hin. Die müssen auf die Barrikaden gehen, sonst wird das nichts.“
Korrekturbedarf sieht er auch bei der nachhaltigen Umsetzung der Vergütungsregeln für die Arbeit von freien Kolleginnen und Kollegen. Auf der Haben-Seite verbucht der neue hessische DJV-Chef den Abschluss für die Oberhessische Presse in Marburg und die Tariferhöhung für den privaten Rundfunk.
Anders die Stimmung beim Hessischen Rundfunk: Dort sorgt ein umfangreiches Papier mit Sparvorschlägen der ARD-Intendanten für Unruhe. Sollten Überlegungen einzelner Medienpolitiker realisiert werden, dass jedes Bundesland nur noch maximal vier Hörfunkwellen betreiben soll, würde das für den hr den Verzicht auf zwei Programme bedeuten. „Das trifft dann vor allem die Freien, die dann keine Beschäftigung mehr haben würden“, warnt Zilian.
Auch eine avisierte Zusammenschaltung der dritten Fernsehprogramme mit regionalen Fenstern würde bei allen ARD-Anstalten zu einem erheblichen Arbeitsplatzabbau führen.
„Blickpunkt“ in neuem Gewand
In seiner ersten Grundsatzrede streifte Zilian auch die verbandsinterne Kommunikation. So wird der „Blickpunkt“ künftig in einem neuen Format lockerer, aktueller und intensiver online erscheinen, sei es als Newsletter, als Dossier zu einem Schwerpunkt oder ereignisbezogen.
Auf den Prüfstand will der neue Vorstand auch das umfangreiche Weiterbildungsangebot stellen – mit der Intention, die Bedürfnisse der Mitglieder punktgenau zu treffen. Maßstab für Veranstaltungen des DJV Hessen sollte aus Zilians Sicht generell sein, dass damit messbar neue Mitglieder gewonnen werden. Dazu will er auch einen Mitglieder-Wettbewerb etablieren.
Als ein richtungsweisendes Format sieht er den Jungjournalistentag, der in Frankfurt gerade seine dritte Auflage erlebt hat (siehe auch Artikel auf Seite 14 und 15). Lob für diese von Sonja Lehnert und den Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle akribisch organisierte Veranstaltung kam auch von Maurizio Gemmer, Sprecher des Netzwerks Junge. „Wir befinden uns in einer Aufbruchsphase“, stellte er erfreut fest. Lokaljournalismus sei wieder attraktiv, die Chancen für ein angemessenes Volontariat stiegen, junge Journalistinnen und Journalisten in Hessen hätten sich zu einer Marke entwickelt und würden auch wieder häufiger gefragt, zum Beispiel vom Hessischen Rundfunk.
Welttag der Pressefreiheit würdig begehen
Konzentriert und konstruktiv berieten die Delegierten ein umfangreiches Antragspaket. So ist nun die Möglichkeit eröffnet, das Wahlverfahren zu beschleunigen. Die Tarifhoheit der öffentlich-rechtlichen Sender wurde gestärkt. Der Welttag der Pressefreiheit (3. Mai) soll künftig auch in Hessen angemessen begangen werden, „er ist der 1. Mai für uns Journalistinnen und Journalisten," unterstrich Knud Zilian die Bedeutung. Anknüpfend an seine Ausführungen zur Aushöhlung des Flächentarifvertrags hatte der Bezirksverband Lahn-Dill beantragt, dass der Landesvorstand künftig jährlich berichtet über die Situation bei den Arbeitgebern und die Aktivitäten des Verbands, diese Errungenschaft zu stärken. Das trugen die Delegierten mit.
Kontrovers debattiert wurde der Antrag des Ortsverbands Kassel, die beiden Geschäftsstellen in Bonn und Berlin endlich zu bündeln. Während Zilian, der den Landesverband auch im Gesamtvorstand vertritt, Bundesgeschäftsführer Kajo Döring und Bundesschatzmeisterin Katrin Kroemer aus finanziellen und personellen Gründen für die Beibehaltung der Splittung plädierten, überzeugte das viele Delegierte nicht. Sie erinnerten unter anderem an einen eindeutigen und bindenden Bundesverbandstagsbeschluss.
Kontroverser wurden die Debatten auf dem Wiesbadener Verbandstag nicht. Als Gäste nahmen daran nicht nur die beiden Repräsentanten des Bundes teil, sondern auch die Vorsitzenden der DJV-Landesverbände Rheinland-Pfalz und Bayern, Andrea Wohlfart und Michael Busch. Bernd Lammel (Berlin) konnte unwetterbedingt nicht anreisen. Der Autor und Terrorismus-Experte Shams ul-Haq („Die Brutstätte des Terrors“) stellte seine teils ernüchternden Erkenntnisse vor, auf die er bei seinen Undercover-Recherchen in verschiedenen Flüchtlingsheimen in Europa gestoßen war.
Andreas Lang
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